Wie gehen wir miteinander um? Wie wollen wir zusammenleben? Und was zeigt uns der Blick in unsere Geschichte?

Die Junge Theaterakademie Offenburg geht diesen Fragen in Film- und Theaterprojekten nach: Hier können Kinder und Jugendliche ihre eigenen Erfahrungen, Gedanken und Visionen ausdrücken und künstlerisch gestalten. 

Die Filme und Theaterprojekte werden auf der Website „Baukasten Demokratie“ dokumentiert. So wächst nach und nach ein digitales Archiv, durch das Kinder und Jugendliche partizipativ am gemeinsamen kulturellen Gedächtnis mitwirken können.

Aktuelles

Die Bausteine

Der Baukasten Demokratie umfasst folgende Bausteine, denen die einzelnen Filme und Theaterszenen zugeordnet sind: 

In der "Frühen Neuzeit" (1500-1800) wurden die geistigen Grundlagen der modernen Demokratie gelegt: Humanismus und Reformation führten zur Höherbewertung des Individuums und zur Kritik an an überlieferten Autoritäten, die Erfindung des Buchdrucks durch Johann Gutenberg zur medialen Verbreitung von Wissen und Bildung. Auf diesem Weg konnte sich eine Kultur des rationalen und kritischen Diskurses bilden, die schließlich in der Forderung der Aufklärung nach Selbstbestimmung und Selbstdenken gipfelte. Dieser geschichtliche Fortschritt war aber kein gradliniger, sondern mit vielen Rückschlägen verbunden, wie z.B. dem Dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert.

In der Revolution 1848/49 spielte Offenburg eine bedeutende Rolle. Aufgrund der verkehrstechnisch günstigen Lage fanden hier 1847, 1848 und 1849 drei wichtige Versammlungen statt. Die bekannteste ist die "Versammlung der entschiedenen Freunde der Verfassung" vom 12. September 1847 im Offenburger Salmen: Hier wurde der erste Katalog an bürgerlichen Grund- und Freiheitsrechten in der deutschen Demokratiegeschichte verkündet, die von Friedrich Hecker vorgetragenen 13 Forderungen des Volkes

Diese revolutionären Ereignisse waren nur möglich, weil sich in Offenburg eine aufgeklärte Kultur etabliert hatte, z.B. durch die Gründung der bürgerlichen Lesegesellschaft. Eine wichtige Rolle spielte das Engagement junger Revolutionäre wie Karl Heinrich Schaible.

Die erste Demokratie auf deutschem Boden, die Weimarer Republik (1919-1933), war von Anfang an instabil und endete bereits nach weniger als vierzehn Jahren mit der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933. Ein wesentlicher Grund für ihr Scheitern war die mangelnde demokratische Gesinnung bei großen Teilen der Bevölkerung, nicht zuletzt im Bürgertum und unter den Eliten.

Wie an vielen anderen Orten konnte sich auch in Offenburg bereits in den 1920er-Jahren ein "gut vernetztes nationalistisches, völkisches Milieu" (W. Gall) in örtlichen Vereinen wie dem Kleinkaliberschützenverein ausbreiten, die den Aufstieg der NSDAP vorbereitete. Vor allem die damalige Jugend war für diese politische Radikalisierung anfällig. 

Mit der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 endete die erste deutsche Demokratie, die Weimarer Republik. Auch Offenburg wurde nationalsozialistisch, es kam zur Ausgrenzung und zur Verfolgung der Juden.

In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Inneneinrichtung der Offenburger Synagoge im Salmen zerstört. Mit dieser Nacht begann die Auslöschung der Jüdischen Gemeinde: Bereits am Tag danach wurden alle männlichen Juden in das KZ Dachau deportiert. Am 22. Oktober 1938 setzte die Deportation der badischen Juden in das französische Lager Gurs ein. Nur 36 Offenburger Juden überlebten den Zweiten Weltkrieg.

Nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur wurde die Demokratie in Deutschland wiederaufgebaut. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland knüpft an die Weimarer Reichsverfassung von 1919, aber auch an die erste nationale Verfassung der Revolution von 1848/49 an. Unter den alliierten Besatzungsmächten fanden demokratische Erziehungsprogramme statt, die die Deutschen zu Demokraten mit einer liberalen Gesinnung umerziehen wollten. Ein Beispiel ist der Gengenbacher Höllhof,  in dem von 1947-1950 ehemalige Nazis aus der Ortenau ein freiwilliges demokratisches Erziehungsprogramm absolvieren konnten. 

In der Gegenwart zeigt sich, dass Demokratie von jeder Generation neu gelebt und gestaltet werden muss. Mit dem Aufkommen des Populismus gerät das liberale und repräsentative Modell der Demokratie in eine Krise, die kulturelle Spaltung der Gesellschaft bedroht den Zusammenhalt. Anderseits "melden" sich Jugendliche "vermehrt zu Wort und artikulieren ihre Interessen [...] zunehmend auch gegenüber Politik, Gesellschaft und Arbeitgebern [...] Ihre Zufriedenheit mit der Demokratie nimmt zu" (Shell-Studie 2019).

Auch wenn Jugendliche "mehrheitlich tolerant und gesellschaftlich liberal" (Shell-Studie 2019) sind, bleibt die Arbeit an den demokratischen Grundwerten eine ständige gesellschaftliche Aufgabe, so z.B. in der kritischen Auseinandersetzung mit sexistischen Vorurteilen.

Wenn Demokratie "in erster Linie eine Form des Zusammenlebens, der gemeinsamen und geteilten Erfahrung“ (John Dewey) ist, dann bleibt sie stets von unseren persönlichen und kollektiven Erfahrungen und Erinnerungen geprägt, die unsere Selbst- und Fremdwahrnehmung und damit unser Handeln beeinflussen. Daher nimmt dieser Baustein persönliche Erinnerungen ebenso wie Familiengeschichten als Ausgangspunkt für eine kreative Auseinandersetzung mit demokratischen Grundfragen, so z.B. die kollektive Erinnerung der Russlanddeutschen.

So wie die Erinnerung an die Vergangenheit unser demokratisches Zusammenleben prägt, so wird dieses auch vom Blick in die Zukunft bestimmt: Hoffnungen und Ängste, Erwartungen und Visionen entscheiden darüber, wie wir unsere Gegenwart aktiv gestalten und weiterentwickeln. Aus diesem Grund rückt der letzte Baustein die Visionen der Jugendlichen in den Fokus, so z.B. ihre Gedanken über die Erfahrung von Arbeit und Freiheit.

Im digitalen Archiv werden die Filme sowie ausgewählte Szenen aus den Theaterprojekten dokumentiert und nach den acht Bausteinen geordnet. Auf diese Weise wird das demokratische Potential des Internets genutzt, eine partizipative, interaktive und kreative Konstruktion von Wissen zu ermöglichen.

Kommentare zu den Filmen und Theaterszenen:
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