Gutenberg, der Erfinder des Buchdrucks, kehrt 550 Jahre nach seinem Tod wieder. In Albträumen durchlebt er, wie sein Traum, der Menschheit Bildung, Wissen und Wahrheit zu schenken, in den medial aufgeheizten Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit zerschlagen wurde. Er trifft auf Jugendliche von heute, die ihm von der nicht minder menschenverachtenden Hexenjagd auf Twitter & Co. berichten. Unabweisbar drängt sich die Frage auf: Bedeuten Medienrevolutionen Fluch oder Segen? Bringt die fortschreitende Vernetzung der Welt – sei es durch den Buchdruck oder das Internet – einen zivilisatorischen und demokratischen Fortschritt oder treibt sie die Menschen zu Hass, Lüge und Gewalt?

In der ersten der beiden Szenen wird an die Gründung des bürgerlichen Lesevereins und an die Bedeutung der Lesekultur für die Verbreitung aufgeklärten Denkens im vorrevolutionären Offenburg erinnert. Die zweite Szene stellt die Offenburger Versammlung vom 12. September 1847 aus einer mediengeschichtlichen Perspektive dar.

Ein Gemeinschaftsprojekt des Theater am Grimmels, der Haus- und Landwirtschaftlichen Schulen Offenburg und der Stadt Offenburg

Infos zu den Mitwirkenden im Programmheft

Weitere Infos zu „Gutenbergs  Traum“ finden sich auf der Website der Jungen Theaterakademie.

Der Theaterbaukasten

Hier finden sich Erläuterungen, wie die Bausteine des Theaterbaukastens in der Szene zur Anwendung kommen (ohne dass an dieser Stelle näher auf die Entwicklung der Szene eingegangen werden kann):

Muster: Die Schauspieler/innen bewegen sich überwiegend auf Linien, parallel oder quer zur Rampe. Bereits hierdurch gewinnt die Szene einen verfremdeten und stilisierten Charakter.

Formation: Die Inszenierung der Szene baut auf Linenformationen auf.

Höhe: In der Szene werden unterschiedliche Höhen genutzt: neben Höhe 3 bestimmt bei der Lesechoreografie Höhe 2 das szenische Bild, und wenn die Hexen hinter den transparenten Vorhängen auf erhöhten Bühnenbildelementen sichtbar werden, kommt auch Höhe 4 zum Tragen. 

Position: Die Position 2 (vorne Mitte) wird mehrfach eingesetzt, um den Fokus der Zuschauer/innen auf sich zu ziehen.

Wiederholen: Die Choreo in der Lesegesellschaft und die Choreo der Drucklettern beruhen auf der Wiederholung und Variation einfacher Gesten und Handlungen (z.B. Zeitung hoch- und runterhalten,  übertriebener Gesichtsausdruck, aufspringen).

Anschluss: Um die Spannung in der Szene aufrechtzuerhalten, folgen die einzelnen Elemente der Szene auf Anschluss. Auch bei den Sprechsequenzen, die auf mehrere Sprecher/innen verteilt sind, wurde auf Anschluss gesprochen (Stimme in der Schwebe vor dem Sprecherwechsel, keine Pause). In der Lesechoreo haben wir mehrfach einen Domino-Effekt eingesetzt.

Neutral: Der Chor der Lettern tritt in neutraler Haltung auf.

Ausdruck: Die Lesegesellschaft spielt überwiegend mit einem mittleren, realistischeren Ausdruck (trotz der Stilisierung der Szene), in die Lesechoreo haben wir aber auch einen übertrieben-grotesken mimischen Ausdruck im Freeze eingebaut.

Außen: Die Verkörperung der Figuren wurde für diese Szenen hauptsächlich über die Grundhandlungen gehen, stehen, sitzen erarbeitet.

Innen: Die Schauspieler/innen haben aber auch die Grundgefühle ihrer Figur im Spannungsfeld von heiterem Fortschrittsoptimismus und emotionaler Betroffenheit über die menschenverachtenden Hexenverfolgungen in Offenburg entwickelt.

Chor: Der Chor der Lesegesellschaft verkörpert eine mehr oder weniger homogene Gruppe, nämlich die fortschrittlich eingestellten Offenburger Bürger/innen im Vorfeld der Revolution 1848/49; im Chor der Lettern verkörpert jede/r Darsteller/in eine einzelne Letter.  

Publikum: Die Szenen werden überwiegend mit Blick ins Publikum gespielt, die Vierte Wand wird durchbrochen. Auf diese Weise sollen die Zuschauer/innen zum Nachdenken angeregt werden, z.B. über die Aktualität der aufklärerischen Forderung zum Selbstdenken.

Wiederholung: Die Lesechoreo und die Choreo der Drucklettern beruhen auf der Wiederholung einfacher Bewegungselemente (vgl. Baustein "Zeit").

Variation: Die wiederholten Elemente werden zugleich variiert, z.B. der mimische Ausdruck in der Lesechoreo.

Reduktion: Die beiden Choreos beruhen auf einer reduzierten Anzahl von einfachen körperlichen Ausdrucksmitteln.

Leitfrage: Der Eigenproduktion liegt die Leitfrage zugrunde, welche (ambivalenten) Folgen mediale Revolutionen für die Gesellschaft haben und wie ein sinnvoller Umgang mit Medien aussehen kann. Die Szene deutet eine mögliche Antwort auf den zweiten Aspekt der Leitfrage an: Es gilt im Umgang mit Medien die aufklärerische Forderung "Habe Mut, selbst zu denken!" zu beachten. 

Erzählen: Die Szene hat einen erzählerischen Duktus. In einem historischen Rückblick wird von der Hexenverfolgung erzählt, die revolutionären Ereignisse in der Handlungsgegenwart werden erzählerisch vom Chor der Lesegesellschaft vermittelt, die Dialoge in der Lesegesellschaft haben einen kommentierenden und reflektierenden Charakter. Typische Elemente des epischen Theaters kommen dementsprechend zum Einsatz (Tafeln des Letternchors, Projektionen). 

Sprechen: In diesen Szenen kommt monologisches Sprechen (Rede des Bürgermeisters) und chorisches Sprechen vor. Bei letzterem begegnen mehrere Varianten: synchrones Sprechen, ein Text wird auf mehrere Sprecher aufgeteilt, Stimmcluster.

Kostüm: Der Chor der Lettern trägt ein schwarzes Grundkostüm, jede/r Darsteller/in hat eine eigene Letter als Requisit. Die Lesegesellschaft tritt in historischen Kostümen auf.

Bühnenbild: Das Bühnenbild besteht aus fünf weißen Vorhängen, auf die Bilder, farbiges Licht und eine Videosequenz (brennendes Feuer) projiziert werden.

Sound: Die Musik gibt den Szenen und insbesondere den Choreos den  Rhythmus vor.

Licht: Das farbige Hintergrundlicht ist teils atmosphärisch auf den Handlungsverlauf abgestimmt (warme Farben am Anfang und am Ende der Szene, kältere Farben während des historischen Flashbacks, Rot als Appellfarbe), teils werden die Farben illustrierend eingesetzt (Feuerrot bei der Hexenverbrennung).

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